Text: Hans Wolf
Stadtkirchenweihe am Sonntag nach Pfingsten 1306
Die um 1180 von Friedrich Barbarossa im Anschluss an die kaiserliche Burg gegründete
und 1219 erstmals urkundlich erwähnte
Reichsstadt Friedberg verfügte 100 Jahre später bereits über solche wirtschaftliche
und politische Kraft, dass die selbstbewussten Bürger den offenen Konflikt mit
der Burg nicht scheuten und diese 1275 zerstörten. Seit 1254 gehörte Friedberg
dem Rheinischen Städtebund an, seit 1266 wird durch die Ersterwähnung des Rates
bürgerliche Selbstverwaltung dokumentiert. Gleichzeitig mit diesen politischen
Aktivitäten betrieb die Bürgerschaft den Neubau ihrer Pfarrkirche, die 1306 in
Teilen geweiht wurde.
Über die Weihe des Kirchenneubaus selbst sind wir durch eine Urkunde vom 26.
Juni 1306
unterrichtet. In ihr wird gesagt, dass Bischof Siegfried von Chur in Gegenwart
der Königin Elisabeth, einer geborenen Prinzessin aus England, ihrer Tochter sowie
der Herzöge von Sachsen und Österreich den Altar der Jungfrau Maria geweiht habe.
König Albrecht sei erst nach der Weihe in Friedberg eingetroffen. Seitdem heißt
die Kirche Liebfrauenkirche. Der Name Stadtkirche hat sich nach der Reformation
eingebürgert. Um die neue Kirche und ihren Weiterbau zu fördern, hat der Churer
Bischof einen Ablass bewilligt für alle Gläubigen, die zum Jahrestag der Weihe
am Sonntag nach Pfingsten die Kirche besuchen. Der Rat der Stadt unterstützte
den Kirchenbau ebenfalls durch einen Beschluss von 1308, in dem jeder Neubürger
an die sog. Kirchenfabrik einen Schilling zahlen sollte.
Wieso weiht ein Bischof aus dem fernen Schweizer Chur am Oberrhein
die Friedberger Liebfrauenkirche? Bischof Siegfried mit dem Familiennamen von
Breitenbach wird in den Churer Quellen Siegfried von Gelnhausen genannt. Er war
in seiner Heimatstadt Burgkaplan und kam so mit dem König in der Pfalz Gelnhausen
in Berührung. Die Familie von Breitenbach taucht später auch in der Friedberger
Burgmannschaft auf. Siegfried wurde zusätzlich Kanoniker in Aschaffenburg am Stift
St. Peter und Alexander und trat dadurch in engen Kontakt zum Mainzer Erzbischof,
dem bedeutendsten geistlichen Reichspolitiker im Alten Reich. Erzbischof Gerhard
von Eppstein ernannte ihn zu seinem Generalvikar. Und in einer Mainzer Mission
weilte er, inzwischen Kanzleichef der Mainzer Kurie, 1298 in Rom zu einem Zeitpunkt,
als der Papst über einen Besetzungsstreit des Churer Bischofsstuhles zu entscheiden
hatte. Er entschied sich für keinen der Kontrahenten, sondern wählte spontan den
gut beleumundeten Aschaffenburger Kanoniker. Diese Entscheidung ist um so erstaunlicher,
als der Mainzer Diplomat die Wahl König Albrechts mitzuteilen hatte, die vom Papst
allerdings verworfen wurde, weil dieser die Intrigen gegen den abgesetzten und
in offener Feldschlacht besiegten König Adolf von Nassau nicht unterstützen wollte.
Der Überbringer der schlechten Nachricht wurde hier also einmal nicht geköpft,
sondern mit einem Bistum belohnt. Er kehrte auch nicht direkt zu seinem Mainzer
Auftraggeber zurück, sondern stellte sich zuerst in seinem neuen Amtssitz Chur
vor. Weil die wirtschaftliche Situation in Chur als zerrüttet galt und der Bischofsstuhl
nur unzureichend dotiert war, durfte er seine Gelnhäuser und Aschaffenburger Pfründen
zunächst behalten. Da Chur dem Mainzer Erzstuhl unterstand, hat Bischof Siegfried
seine guten Kontakte nach Mainz weiterhin genutzt und war noch oft in Mainzer
Diensten unterwegs. Er nahm an mehreren Hoftagen teil in Begleitung der Könige
Albrecht I. und Heinrich VII.
Nach dem Tod seines Gönners Erzbischof Gerhard von Eppstein hielt er sich sofort
wieder in seiner hessischen Heimat auf und
bekam für die Zeit der Vakanz des Mainzer Stuhles die Weihelizens. Und in dieser
Eigenschaft kam er nach Friedberg zur Weihe unserer Kirche. König Albrecht I.
war am 25. Mai in Gelnhausen, reiste von dort nach Frankfurt und sollte eigentlich
am 29. Mai, dem Sonntag nach Pfingsten, ebenfalls in Friedberg sein. Warum er
zu spät kam, wissen wir nicht, aber in der Weiheurkunde wird sein Fehlen ausdrücklich
dokumentiert. Von Friedberg aus reiste das gesamte königliche Gefolge zu einem Hoftag nach Fulda und schließlich abermals nach Frankfurt, wo der berühmte Sühnebrief für die Burg und die Stadt Friedberg ediert wurde. König Albrecht wurde kurz danach von Johann Parizida ermordet. Bischof Siegfried war noch in vielen Reichsmissionen u.a. bis nach Avignon unterwegs. Mit seiner Heimatstadt Gelnhausen blieb er Zeit seines Lebens verbunden, in seinem Testament stiftete er aus seinem Gelnhäuser Vermögen ein Kloster, das vor allem mit ledigen Verwandten besetzt werden sollte, eine besondere Form der Familienförderung. Er starb 1321 und ist im Dom in Chur beigesetzt.
Zum Zeitpunkt der Altarweihe bestand der Neubau der Friedberger Kirche aus dem
Chor und dem
Querhaus, die in einer Zeit von ca. 40 Jahren mit Unterbrechungen errichtet worden
waren. Die romanische Vorgängerkirche aus der Gründungszeit Friedbergs Ende des
12. Jhs. wurde ab ca. 1260 langsam von Osten nach Westen fortschreitend abgerissen
und durch den gotischen Neubau ersetzt, der die moderne Hallenform erhielt, d.h.
Seitenschiffe und Hauptschiff haben die gleiche Höhe. Dadurch entstand in Friedberg
ein einmalig harmonischer Kirchenraum. Neben der Elisabethkirche in Marburg gilt
die Friedberger Stadtkirche als bedeutendste frühgotische Hallenkirche in Hessen.
Diese Halle wurde aber erst nach der Weihe im Lauf des 14. Jhs. in Angriff genommen
und weiter nach Westen ausgebaut. Das westliche Pfeilerpaar war zunächst als Turmfundament
gedacht und ist deshalb dicker als alle anderen. Letztendlich wurde aber die Turmfront
weiter nach Westen vor die Hallenkirche gesetzt, was beweist, dass die Stadt um
diese Zeit noch über erhebliche wirtschaftliche Ressourcen verfügt haben muss.
Erst ein königlicher Baustopp von 1410 untersagte auf Einspruch der Burg hin den
Weiterbau der Türme, was aber eine konjunkturbedingte Bauruine nur verschleierte.
In Wetzlar kann man den Stadtbankrott ungefähr zur gleichen Zeit an den sog. Heidentürmen
im Westen des Domes heute noch ablesen.
Die 1260 begonnene gotische Kirche diente nicht nur als sakraler Kultraum. Dafür war sie um die Wende des 13. zum 14. Jh. bei geschätzten 1500 Einwohnern sicher überdimensioniert, wenn man berücksichtigt, dass damals in den Kirchen kein Gestühl stand. Sie diente vor allem als bürgerlicher Repräsentationsraum, wie das bei vielen gotischen Kirchen im Mittelalter der Fall war. Das Kirchenpatronat, d.h. das Recht der Pfarrerernennung, erhielt durch eine Urkunde Ludwigs d. Bayern von 1314 das Kloster Ruppertsberg bei Bingen. Dieser Zustand dauerte bis in die Zeit der Reformation an.
Der von Anfang an schwelende Konflikt zwischen der bürgerlichen Stadtgemeinde Friedberg und der feudalen kaiserlichen Burg hatte sich seit der Schlichtung durch Rudolf v. Habsburg 1285 inzwischen wieder so zugespitzt, dass König Albrecht I. sich erneut genötigt sah einzugreifen. Als er 1301 die Unterstützung der Wetterauer Reichsstädte in seiner Auseinandersetzung mit den Kurfürsten brauchte, hatte er schon einmal zwischen den Friedberger Streithähnen zu schlichten versucht. Damals war er persönlich nach Friedberg gekommen, um „ufloufende dinc“ zu deeskalieren. 1306 aber erließ er auf dem Rückweg vom Fuldaer Hoftag unmittelbar nach der Friedberger Kirchweihe in Frankfurt am 21. Juli den sog. Sühnebrief, in dem die Vormachtstellung der Burg über die Stadt ein für allemal festgeschrieben wurde, da die Burg von da an mit 6 Burgmannen, unter ihnen der Burggraf, im Rat der Stadt saß. Diese wichtige Urkunde hat aber den Streit nicht geschlichtet, sondern nur neues Konfliktpotential für die Zukunft geschaffen. Aber in allen späteren Streitigkeiten wird immer wieder auf den Text von 1306 Bezug genommen. König Albrecht I. war also mehrmals in der Stadt und hat sich um die Belange zwischen Burg und Reichsstadt wiederholt gekümmert. Da fällt es nicht so sehr ins Gewicht, dass er den feierlichen Weihetermin am Sonntag nach Pfingsten 1306 versäumte.
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