Aus dem Ovag-Kundenmagazin 3/2008
„Wie oanst dear Doiwel sich geage uess Herrgott uffgelehnt hatt
", beginnt die Vogelsbergsage und berichtet vom Aben teuer des Satans, der sich einst in dem Gebirge heimisch ge fühlt haben soll
wären da bloß nicht die vielen Vögel gewe sen, in erster Linie die Wachtelmännchen, die ihn im Schlaf störten
Derart sagenumwoben wie inzwischen grün ist das mit 2.400 Quadratkilometern und rund 500 Milliarden Kubik metern Basaltvolumen größte Vulkangebiet Mitteleuropas, das aus dem vor rund 17 bis 14 Millionen Jahren aktiven Vulkanis mus entstand. „Jede Schicht im Sediment erzählt eine eigene Geschichte", weiß Gerold Beckmann, Leiter der Fachsektion Vulkan Vogelsberg der Deutschen Vulkanologischen Gesell schaft und einer von 25 frisch gekürten Vulkanführern. Er hält mit seiner Faszination im wörtlichen Sinne nicht hinterm Berg: „So ein Steinbruch ist wie ein Schaufenster in die Erde."
Um die Entstehung und den Werdegang des Schildvulkans Vogelsberg, seine Historie, aber auch seine Legenden und Mythen aus den Tiefen des Gesteins ans Licht zu holen und vor allem der Öffentlichkeit weiter zu geben, haben sich die Vogelsberger Vulkanexperten in acht Seminartagen von Januar bis April ausbilden lassen. Zuvor gründete sich im März 2007 die Fachsektion Vogelsberg der Deutschen Vulkanologi schen Gesellschaft mit Sitz in Mendig/Eifel. Inzwischen ver zeichnet der gemeinnützige Verein etwa 700 Mitglieder aus 15 Ländern, davon mehr als 100 in der Fachsektion Vogels berg, die sich dem Sinn und Zweck verschrieben haben, die Region vulkanologisch, kulturhistorisch und touristisch wei ter zu entwickeln.
Denn, so die herrschende Meinung, „mit dem größten zusam menhängenden Vulkangebiet Europas besitzen die Oberhes sen einen Schatz unter den Füßen, der im Laufe der nächsten Jahre sichtbar und erlebbar gemacht werden soll." Und das, obgleich das mittelhessische Bergmassiv ein „grüner Vulkan" ist und man sagt, dass die Vogelsberger diese Schönheiten für sich behalten wollen und deshalb die Geotope im Wald „ver steckt" haben.
Die Spezialisten, Dr. Ingeborg Guba, ihres Zeichens emeritier te Professorin für Grubengeologie, aus Stadtallendorf, sowie Diplom Geologe, Dr. Carlo Dietl von der Universität Frankfurt und Diplom-Ingenieur Franz Dietrich Oeste, der in Münzen berg einen geologischen Garten pfl egt, haben die 25 Seminar teilnehmer der Vogelsberger Vulkansektion unterrichtet und weiter gebildet. „Die meisten von uns arbeiten bereits als Na tur- und Kulturführer und haben ihr Wissen, speziell über den hiesigen Vulkan weiter ausgebaut", verrät der 1949 geborene, stellvertretende Leiter der Vogelsberger Fachsektion, Erhard Müth, der in Gedern ansässig ist und sich selbst mit einem Zwinkern als „Vogelsberger Urgestein" bezeichnet.
Themen wie Minerale, Gesteine und ihre Bestimmungen, Vul kanismus, Verwitterungsprozesse, aber auch Wissenswertes über Bodenschätze und Rohstoffe, der Weg des Wassers von der Quelle oder Geopädagogik sowie schließlich die Exkursion in den Münzenberger Geologie-Garten, standen für die Erup tionsexperten auf dem insgesamt 50-stündigen Fortbildungs programm, das unter anderen die OVAG fi nanziell unterstütz te. Allesamt erhielten die erfolgreich mit einem Test geprüften Vulkanführer am 15. Mai von der seit 21 Jahren bestehenden Deutschen Vulkanologischen Gesellschaft dafür ein Zertifi kat und den „Basaltorden am Bande".
Von Galgenstätten, Hexensteinen, „Weisen Frauen" und zum Tode Verurteilten erzählen sie auf ihren Führungen durch das Vogelsberger Gestein, beispielsweise am Hopfmannsfelder Galgen oder am Teufelsstein bei Ilbeshausen-Hochwaldhausen. „Der mystische Aspekt ist aber nur eine Seite", weiß Vulkanführer Beckmann. Es gebe zwei Arbeitsgruppen: Eine, die sich mit der so genannten Vulkanstraße und den Geotopen - also Felsformationen und Steinbrüchen – beschäftige und eine weitere, die den archäologisch-kulturhistorischen Aspekt beleuchte – sprich die Geschichte des Vulkans im Zusammenhang mit der historischen Entwicklung der Menschen, die im unmittelbaren Umfeld lebten. Müth erläutert: „Wir wollen sachliche Informationen über die Entstehung der Vulkane mit interessanten Anekdoten verbinden. Es macht Spaß, die Zuhörer mit einer runden Story zu fesseln." Wenn dann der Nebel aus den Tälern steigt, sei die Stimmung perfekt. „Nun, manchmal nicht ganz", wendet der ebenfalls frisch ausgebildete Vulkanführer, Rolf Heuchert-Frischmuth ein: „Das ist schon sehr spannend, wenn man sich als Führer einer Gruppe im Dunst auch einmal selbst verläuft." Er bleibe dann souverän, erkläre rasch etwas am Wegesrand: „Das muss ich Ihnen jetzt unbedingt zeigen", lacht er und führt dann die Gruppe auf den vermeintlich richtigen Weg zurück: „Aber nun bitte ich Sie hier entlang."
Mit Charme und fachkundiger Unterhaltung bieten die Vulkanführer der Sektion Vogelsberg Führungen von zwei Stunden bis zu ganztägigen Exkursionen in der gesamten Vulkanregion Vogelsberg zwischen Lauterbach, Alsfeld, Grünberg, Laubach, Nidda, Büdingen, Gedern und Schotten an. Zudem in Planung: Die Anknüpfung des Vogelsberg-Gebiets an die bereits bestehende, etwa 280 Kilometer lange „Deutsche Vulkanstraße",
die als touristische Ferienstraße durch die Eifel führt und über das Siebengebirge und den Westerwald hinaus verlängert werden soll. „Ein zwölfköpfiges Gremium erarbeitet derzeit Pläne für das hiesige Gebiet", berichtet der aus Grebenhain stammende Vogelsberg-Vulkanleiter Beckmann. Zudem solle unter der Regie der Stadt Schotten auf dem Hoherodskopf ein neues Besuchererlebniszentrum mit einem „Vulkaneum" – einer Mischung aus technischer Erlebniswelt und Vulkanmuseum – entstehen. Rund drei bis fünf Millionen Euro kostet das Projekt, bei dem die engagierten Mitglieder des „Oberhessischen Vulkanvereins" mit den Landkreisen und Gemeinden an einem Strang ziehen. Auch auf Visionen, die Vulkanregion Vogelsberg zu einem UNESCO-Geopark weiter zu entwickeln, weist Beckmann hin. (ssp)
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