Vorgeschichte

Die Wetterau in vorgeschichtlicher Zeit
von Kreisarchäologin Dr. Vera Rupp

Die Wetterau, zwischen den Höhen des Taunus im Westen und dem Vogelsberg im Nordosten gelegen, zählt zu den bedeutendsten Kulturlandschaften Deutschlands und wird seit Jahrtausenden von Menschen besiedelt. Dies wurde vor allem durch das ausgesprochen milde Klima, besonders fruchtbare Böden und ein weitverzweigtes Gewässernetz begünstigt.

Die ältesten menschlichen Spuren findet man in der Umgebung von Münzenberg. Auf schmalen windgeschützten Geländeterrassen befanden sich die Lagerplätze der Jäger und Sammler, die dort vor über einer halben Million Jahren aus anstehendem Gestein einfache Steinwerkzeuge fertigten. Diese Geräte, wie z.B. Schaber zur Holz und Lederbearbeitung, gehören zu den ältesten Werkzeugen überhaupt und fanden in vielen Publikationen Beachtung. An dieser Stelle ist besonders das Buch von Lutz Fiedler über "Alt- und mittelsteinzeitliche Funde in Hessen" zu nennen, das im Buchhandel erhältlich ist.

Erst am Ende der mittleren Steinzeit, dem Mesolithikum, vollzog sich um 5500 v. Chr ein revolutionärer Wandel von der unbeständigen zur vorausplanenden Wirtschaftsweise der Ackerbaukulturen. Ackerbau und Viehzucht bestimmten fortan die Lebensgrundlage der Menschen. Der Bau fester Häuser und die Vorratshaltung verlangten neue Technologien. Es entwickelten sich u. a. der Steinschliff und die Töpferei; das Neolithikum, die Jungsteinzeit, nahm ihren Anfang. Es entstanden vielerorts dorfartige Siedlungen mit langen, hallenartigen Holzpfostenhäusern, die eine Länge von bis zu 30 m erreichen konnten und Mensch und Tier Schutz boten. Während dieser Zeit veränderte sich das Landschaftsbild nachhaltig, denn für den Ackerbau und die Siedlungsplätze mußten große Waldgebiete gerodet werden.

In der Wetterau sind inzwischen fast 200 Fundplätze bekannt, die zur ältesten Kulturgruppe der Jungsteinzeit zählen. Diese Gruppe wird aufgrund der bänderartigen Verzierungen auf den Gefäßen Bandkeramik genannt. Wer in unserem Gebiet die Träger dieser neuen Wirtschaftsweise waren, weiß man nicht genau. Es wird darüber gerätselt, ob einzelne Gruppen der nomadisierenden Jäger und Sammler sesshaft wurden und damit ein eigenständiger Entwicklungsprozess vorhanden war. Es besteht aber auch die Möglichkeit, dass neue Bevölkerungsgruppen einwanderten, die Impulse aus dem französischen und donauländischen Raum mit sich brachten.

Ein herausragender Siedlungsplatz der Bandkeramik wurde vor einigen Jahren in Bruchenbrücken unter der Leitung von Professor Jens Lüning vom Seminar für Vor- und Frühgeschichte der Universität Frankfurt am Main ausgegraben. Am Frankfurter Seminar entstand 1993 auch die in Fachkreisen viel beachtete Doktorarbeit von Jürgen Kneipp, die die Bandkeramik zwischen Rhein, Weser und Main zum Thema hat. Aufgrund seiner Untersuchungen kann man davon ausgehen, dass es schon vor über 7000 Jahren zentrale Siedlungen von großer Ausdehnung gab, die eine herausragende Stellung einnahmen. Daneben existierten kleinere Anwesen in der engeren Umgebung.

Eine solche Großsiedlung von weit über einem Hektar Größe dürfte z.B. in Nieder-Mörlen in der Flur "Im Hempler" gelegen haben. Funde kleiner Idole aus Ton, die Menschen- oder Tierfiguren darstellen und kultischen Zwecken zugeordnet werden sowie die Lokalisierung des möglichen Begräbnisplatzes am Rande der Siedlung machen seine wissenschaftliche Qualität aus.

Im Verlauf der Jungsteinzeit folgte auf die Bandkeramik die Rössener Kultur, die sich u.a. durch reich verzierte Gefäße auszeichnet, von denen das Wetterau-Museum in Friedberg eine große Auswahl zeigt. Funde aus der darauf folgenden Michelsberger Kultur, die in die Zeit um 4000-3500 v. Chr. datiert wird, sind im Heimatmuseum Echzell zu sehen; sie stammen aus einer Ausgrabung auf dem unweit gelegenen Wannkopf. Während dieser Kulturperiode bevorzugte man die Anlage der Siedlungen - Geländeerhebungen, die durch Grabenanlagen befestigt waren. Die Kommission für Archäologische Landesforschung in Hessen mit Sitz in Büdingen untersuchte 1991 unter der Leitung von Dr. Birgit Höhn eine solche Siedlung auf der "Alteburg" bei Dauernheim, einem hohen Basaltsporn über der Nidda-Aue. Die Nachforschungen ergaben eine Höhensiedlung mit einem ausgezeichnet erhaltenen mehrphasigen Erdwerk, dessen Gräben sich auf über 100 Meter Länge verfolgen ließen. Insgesamt rechnet man mit einer Größe der befestigten Fläche von 20.000 bis 25.000 Quadratmetern.

Etwa um 2000/1800 v. Chr. kam ein neuer Werkstoff in Mitteleuropa in Gebrauch: die Bronze. Diese Metallegierung aus Kupfer und Zinn gab einer ganzen Epoche der Menschheitsgeschichte ihren Namen. Die Bronzezeit wird aufgrund unterschiedlicher Bestattungssitten in die frühe Bronzezeit (ca. 2400 - 1600 v. Chr.), die Hügelgräberbronzezeit (ca. 1600 - 1400 v. Chr) und die Urnenfelderzeit (ca. 1200 - 800 v. Chr.) unterteilt; die Übergänge waren jedoch immer fließend und zogen sich sicherlich über mehrere Generationen hin. Die imposantesten Bodendenkmäler dieser Zeit sind noch heute die zahlreichen Grabhügel der Hügelgräberbronzezeit (z T. gehören sie auch in die späte Hallstattzeit), die jedoch fast alle bereits im 19. Jahrhundert ergraben oder ausgeraubt wurden.

Viele archäologische Sammlungen der Wetterauer Museen zeigen Bestandteile der damaligen Bekleidung und Tracht. Aus Frauengräbern sind vor allem die bronzenen Schmuckbeigaben wie Arm- und Beinringe, lange Gewandnadeln und feingliedrige Anhänger erhalten. Reich ausgestattete Gräber lassen so Rückschlüsse auf den sozialen Status und Wohlstand zu.

Während der Erhaltungszustand der Grabhügel im Wald recht gut ist, sind die im Ackergelände liegenden oft stark zerpflügt und fast immer bis auf wenige Reste abgetragen. Besonders eindrucksvolle Hügelgräber kann man bei einem Spaziergang durch den Rommelhausener Wald sehen. Siedlungsplätze der mittleren Bronzezeit sind außerordentlich schwer zu finden; wahrscheinlich lagen sie unmittelbar an einem Gewässer und sind heute in den Auewiesen kaum mehr zu finden.

Ein mittelbronzezeitlicher Siedlungsplatz wurde erst kürzlich bei Feldbegehungen in der Gemarkung Ober-Wöllstadt entdeckt und ein kleiner Ausschnitt im Sommer 1993 ausgegraben. Eine große, annähernd rechteckige Grube, in der dicke Pakete rot verbrannten Lehms einer Hauswand gefunden wurden, können als der Rest eines Hauskeller angesehen werden.

Während der anschließenden Urnenfelderzeit bestattete man die Toten überwiegend in Flachgräbern, also nicht mehr unter Erdhügeln. Der Verstorbene wurde auf einem Scheiterhaufen verbrannt, der Leichenbrand und die Reste des metallenen Trachtzubehörs ausgelesen und in eine Urne gefüllt. In die oftmals recht großen Urnen aus Ton kamen weitere kleinere Gefäße und persönliche Beigaben hinzu; alles zusammen deponierte man in einer Grabgrube.

Gräberfelder dieser Zeitstufe konnten von großer Ausdehnung sein. Durch Beobachtungen der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kreisarchäologie konnten in den vergangenen Jahren durch Notbergungen zahlreiche dieser Bodendenkmäler gerettet werden. Die Wetterau muss während der Urnenfelderkultur, ähnlich wie in der Zeiten der Bandkeramik, flächendeckend besiedelt gewesen sein, denn die Zahl der registrierten Fundplätze nimmt ständig zu.

Etwa aus der Zeit um 800/750 v. Chr. sind in unserem Gebiet erstmals Gegenstände aus Eisen nachweisbar. Der neue Rohstoff konnte sich schnell durchsetzen, denn Werkzeuge aus Eisen waren wesentlich haltbarer als die aus Bronze gegossenen. Die Eisenzeit wird von der Altertumsforschung in zwei große Abschnitte geteilt: in die Hallstattzeit (ca. 750 - 500 v. Chr.) und in die Latènezeit (ca. 500 bis Christi Geburt). Die Hallstattzeit war allgemein geprägt durch den Abbau von Eisenerz, seiner Verhüttung und der Schmiedekunst. In der Wetterau beginnt in dieser Zeit der Betrieb der Salzsiederei in Bad Nauheim, der offensichtlich ununterbrochen bis weit in das 1. Jahrhundert v. Chr reichte. Geradezu sensationell entwickelte sich eine Grabung, die seit 1990 im Bereich des ehemaligen Hilberts Parkhotel in der Bad Nauheimer Kurstraße stattfindet und noch nicht abgeschlossen ist. Hier wurden in mehreren Grabungsabschnitten meterhohe Schichten des keltischen Salinenbetriebes freigelegt und dokumentiert. Detailuntersuchungen zu gut erhaltenen Salzsiedeöfen eröffneten die Möglichkeit, Aufbau und Betrieb eines Salzsiedeofens zu rekonstruieren. Die neuen Erkenntnisse wurden von Dr. Uwe Vogt in seiner Publikation "Die Kelten in Wetterau und Vogelsberg" ausführlich dargestellt. Das Buch wurde 1992 von der Sparkasse Wetterau (heute: Sparkasse Oberhessen) anlässlich einer Sonderausstellung über die Bad Nauheimer Grabungen herausgegeben.

Aber auch kleine Siedlungen, deren Bewohner von der Agrarwirtschaft lebten, liegen über die gesamte Wetterau verstreut. Durch Feldprospektionen wurden seit 1990 zahlreiche neue Fundstellen bekannt, die insbesondere in die frühe Latènezeit um 500 - 450 v. Chr. datieren. Durch die Jahrtausende währende Bewirtschaftung der Ackerflächen findet man bei Grabungen jedoch häufig nur noch Vorrats- und Abfallgruben. Die weniger tiefen Keller der Häuser sind im Laufe der Jahrhunderte erodiert und durch den Pflug zerstört worden. So ergab sich ein besonderer Glückfall, als man am Südrand von Bad Nauheim in der Flur "Im Deut" auf Überreste einer frühlatènezeitlichen Siedlung stieß, von der annähernd alle Keller und Gruben, die in den damaligen Erdboden eingetieft waren, erhalten blieben. In mehreren Grabungskampagnen, finanziert und unterstützt von der Stadt Bad Nauheim, dem Landesamt für Denkmalpflege Hessen und der Kommisssion für Archäologische Landesforschung in Hessen, konnten hier in den Jahren 1993/94 drei Hauskomplexe untersucht werden, von denen vor allem die Erdkeller von großem wissenschaftlichen Interesse sind. Die Häuser selbst bestanden aus einer Holzpfostenkonstruktion, deren Pfostenlöcher sich als dunkle Verfärbungen im anstehenden Boden abzeichneten. Die Keller haben in etwa eine Größe von 4 x 2 Metern.

Das Fundmaterial besteht hauptsächlich aus Gefäßscherben. Teile von Webgewichten und Spinnwirtel weisen auf Textilverarbeitung hin. Die Auswertung der verkohlten Pflanzenreste in Wiesbaden durch die ansässige Kommission für archäologische Landesforschung in Hessen und der zahlreichen Tierknochen soll den Kenntnisstand über Flora und Fauna der Zeit um 450 v. Chr. erweitern. Mit Hilfe der Archäobotanik lassen sich Rückschlüsse auf die damals angebauten Getreidearten ziehen, aber auch Informationen über die Art der Ernährung vor über 2500 Jahren gewinnen. Beispielsweise können Hackspuren an Tierknochen dem Archäologen Hinweise auf Art und Menge der verzehrten Tiere bis hin zu Schlachtmethoden geben.

Gegen Ende des 1. Jahrhunderts v. Chr. setzte die römische Einflussnahme auf das Rheingebiet ein. Auch die Jahrtausende alte Vorgeschichte der Wetterau fand damit ihr Ende.

Zu den seit vielen Jahren auf dem Glauberg bei Büdingen stattfindenden Grabungen des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen kam 1994 die Entdeckung eines keltischen Fürstengrabes des späten 5. Jahrhunderts v. Chr. Das als "Jahrhundertfund" in den Medien gefeierte Grab wurde im Block geborgen und wird derzeit in restauratorischer Feinarbeit in den Werkstätten des Landesamtes freigelegt. Der Fund einer bronzenen Schnabelkanne mit keltischen Verzierungselementen gilt auch in Fachkreisen als Sensation. Von der Ausstattung des Verstorbenen ist bislang ein goldener, reich verzierter Halsring von den Wiesbadener Restauratoren bekannt geworden.

Doch es blieb nicht nur bei der Entdeckung des Fürstengrabes! Während der weiteren Freilegung des Grabareals kam am 24. Juni 1996 ein weiteres bedeutendes Fundstück des 5. Jahrhunderts v. Chr. ans Tageslicht. Die Ausgräber fanden zu ihrer Überraschung die lebensgroße vollplastische Statue eines Mannes. Diese 1,86 m hohe, steinerne Figur stellt ganz offensichtlich den im Grab Bestatteten als Krieger dar. Der Krieger trägt einen kurzen Kompositpanzer aus Leinen oder Leder, in der linken Hand hält er einen Schild und an seiner rechten Seite befindet sich ein aus dem Stein herausgearbeitetes Schwert. Seine Kopfbedeckung sieht recht eigenartig aus. Man vermutet, das es sich dabei um eine so genannte Blattkrone handelt, eine Haube mit seitlichen Mistelblättern. Zur weiteren Ausstattung zählen Schmuckstücke oder Würdeabzeichen wie ein Halsring, drei Armringe am rechten Handgelenk und ein Fingerring am Ringfinger der rechten Hand. Die Statue gehört zu den wichtigsten Funden der letzten Jahrzehnte in Europa.

Im vorliegenden Bericht konnten nur die wichtigsten Grabungen und neuen Forschungen zur vorgeschichtlichen Zeit der Wetterau in aller Kürze vorgestellt werden. Zahlreiche Arbeiten beschäftigen sich darüber hinaus mit der Epoche der Römerzeit und des frühen Mittelalters. Die Wetterau bietet auch in Zukunft für weitreichende archäologische und naturwissenschaftliche Forschungen ein reiches Betätigungsfeld. Einen hohen Stellenwert in der Erforschung unserer Vergangenheit und für den Schutz der archäologischen Denkmäler nehmen dabei die vielen engagierten Bürgerinnen und Bürger unseres Landkreises ein.

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