Weglänge: 10 km, 2,5 Stunden, über asphaltierte Wald- und Wiesenweg, kaum Höhenunterschiede

Die Wetterau galt einst als Kornkammer des Reiches. Schon die Römer wussten über ihre Fruchtbarkeit, sonst hätten sie nicht aufwändig die fruchtbarsten Flächen mit dem Limes gesichert. Um aber verstehen zu können, warum das so ist, muss man weit in die Erdgeschichte zurückgehen.
Durch tektonische Verschiebungen ist der Rheingraben, und in dessen Folge auch der Horloffgraben und damit die Wetterau vor rund zehn Millionen Jahren entstanden. Davor ist die Horloff von Hungen in Ost-West-Richtung zur Wetter geflossen, während sie heute in südlicher Richtung zur Nidda fließt. Mit der zunehmenden Senkung des Horloffgrabens haben sich hier im Zeitalter des Tertiärs vor etwa 30 Millionen Jahren unter subtropischen Bedingungen Pflanzen entwickelt, die dann abgestorben sind und die Grundlage für die Braunkohlevorkommen der Wetterau geschaffen haben.
Ein weiterer wichtiger Prozess zur Bodenbildung war das Ende der letzten Eiszeit vor rund elftausend Jahren. Die vordringenden Eismassen im Alpenraum und nördlich unserer Mittelgebirge haben das Gestein immer feiner zermahlen. Nachdem sich die Eismassen zurückgezogen haben, wüteten regelrechte Staubstürme in unserer Region und haben das Material nicht in alle Herren Länder, aber doch in bestimmte bevorzugte Gegenden verbracht. So unter anderem in den Horloffgraben, auf dem sich somit eine Schicht bildete, die man Löss nennt. Löss besteht aus sehr feinem Material mit festen Quarzkörnern, aber auch mit Kalk- und Tonanteilen, sowie verschiedenen Mineralien. Die mineralische Zusammensetzung des Ausgangsgesteins Löss sowie seine Fähigkeit, Wasser zu binden, hat dazu geführt, dass sich daraus in den darauf folgenden Jahrtausenden die ertragreichsten Böden überhaupt in Deutschland entwickeln konnten. Die Magdeburger und die Hildesheimer Börde gehören zu den bekanntesten, aber auch der Kraichgau und letzten Endes die Wetterau zählen zu den Gebieten mit den fruchtbarsten Böden in Deutschland.
Um einen Boden zu bewerten, gibt es seit rund 80 Jahren so genannte Boden-Güteklassen mit Bodenwerten, wobei der wertvollste Boden einen Wert von 100 hat. Auf solchen Böden kann man auch unter einfachen Bedingungen ertragreich wirtschaften, was schon die Bandkeramiker 5.000 Jahre vor Christus in die Wetterau zog. Solche Böden werden wir heute bei unserer Wanderung zu sehen bekommen
Die Wanderung beginnen wir im Wölfersheimer Stadtteil Berstadt in der Untergasse. Unweit des Friedhofes finden wir einen Parkplatz und laufen die Untergasse dorfauswärts in einem kleinen Bogen unter der Unterführung der Bundesstraße 455. Am Ende der Unterführung lassen wir unseren Blick schweifen. An der Horizontlinie sehen wir genau die Abbruchkante der Horloffsenke und den markanten Übergang von der Wetterau zum Vogelsberg. Das Grabensystem entstand nach dem Erlöschen des Vogelsberges vor rund zehn Millionen Jahren.
Hinter der Unterführung gehen wir links und folgen dem Radweg ein kleines Stück. Wir kommen an eine landwirtschaftliche Halle, wo wir einen schönen Blick auf eine richtig schöne Schwarzerde der höchsten Kategorien werfen. Diese Böden sind einzigartig und bedürfen besonderer Bedingungen um zu entstehen. Kalte Winter und warme Sommer sind ein Voraussetzung. Während sie in Nordamerika in der Prärie oder in Steppenlandschaften Russlands weit verbreitet ist, ist solche Schwarzerde in Deutschland nur inselförmig vorhanden. „Gerade deshalb ist es so wichtig, diese Bodengesellschaften zu erhalten“, betont Achim Meisinger, im Regierungspräsidium Gießen unter anderem auch für die Sicherung und Erhaltung landwirtschaftlich wertvoller Böden zuständig. Intensive und nicht standortgerechte Bewirtschaftung tragen zur Erosion bei. Damit wird der Oberboden nachhaltig verändert und geht damit unwiederbringlich verloren, weil die klimatischen Bedingungen zur Bildung des Bodens derzeit nicht gegeben sind.
Wir gehen ein Stück weiter an der B 455, die hier in Richtung Nidda führt. Den nächsten Feldweg gehen wir links und überqueren vorsichtig die Bundesstraße und halten auf den Ort Uthpe zu, der schon zum Landkreis Gießen zählt. Hier können wir uns noch einmal eine gute Übersicht hinsichtlich der Nutzung des Bodens verschaffen. Auf der linken Seite unseres Weges sehen wir natürliche und ursprüngliche Schwarzerde mit hoher Qualität, rechts ist aufgeschüttetes Bodenmaterial erkennbar. Es ist eine Rekultivierungsfläche. Bis in die 80er Jahre hinein wurde hier im Tagebau Braunkohle abgebaut.
Wir gehen bis zur nächsten T-Kreuzung und dann in einer Rechts-Links-Rechts-Kombination direkt auf den „Unteren Knappensee“ zu, der sich hinter den Büschen versteckt. Schon der Name deutet auf die bergmännische Vergangenheit der Gegend hin. Wenn wir unseren Blick auf die Felder richten, können wir gelegentlich Lösskindel sehen. Das sind knollenförmige, wie Puppen aussehende Ausfällungen von Calziumcarbonat in Unterboden der Lössstandorte, die eigentlich in einer Tiefe ab etwa 50 Zentimeter zu finden sind. Die Tatsache, dass sie direkt auf dem Acker liegen, macht deutlich, dass wir hier ein künstlich verändertes Gelände vorfinden, bei dem der natürliche Aufbau eines Bodens nicht mehr gegeben ist.
Wir laufen am südlichen Ende des Unteren Knappensees, den wir selbst leider nicht besuchen können, da die dort lebende Fauna und Flora besonders geschützt werden soll. Wir nehmen den nächsten betonierten Weg nach rechts in Richtung Bundesstraße. Linker Hand sehen wir das Naturschutzgebiet „Kuhweide“, das als Teil der Horloffaue zum Auenverbund Wetterau zählt und vielen bedrohten Tieren eine Heimat bietet. Nach gut einem Kilometer macht der Betonweg einen Rechtsknick und nach weiteren 200 Metern eine Linkswendung dann laufen wir direkt auf die Bundesstraße zu.
Wir stoßen auf die Kreuzquelle, wo derzeit kein Mineralwasser abgefüllt wird, gehen an dem Gebäude vorbei und entlang der Landesstraße 3188 in Richtung Echzell. Den zweiten Feldweg gehen wir nach links und passieren das Naturschutzgebiet „Kist von Berstadt“, ein typisches Niedermoor und Feuchtwiesengebiet. Besonders beachtenswert ist, dass hier im Umkreis weniger Meter gleich mehrere Bodentypen zu sehen sind, von der typischen Schwarzerde und der bereits seit Tausenden von Jahren durch Erosion degradierten Pararendzina bis hin zu dem grundwasserbeeinflussten Gley- und Niedermoorboden (siehe Karte).
Wir kommen an einen Betonweg, den wir nach rechts und dann nach links laufen. Wir überqueren dabei den Waschbach in seinem tief liegenden Bett. Wir folgen dem Betonweg an einem Rechtsknick und überqueren abermals das Bächlein. An der nächsten T-Kreuzung halten wir uns links und kommen nach einem guten halben Kilometer an die Unterführung der B 455 und sind auch bald zurück an unserem Parkplatz.
Berstadt
Die Geschichte von Berstadt reicht bis in neunte Jahrhundert zurück. Gemeinsam mit Echzell und Bingenheim wurde Berstadt zu einem Hauptort der „Fuldischen Mark“, in der der Besitz des Klosters Fulda in der Wetterau zusammengefasst war. Neben dem Einflussbereich Fuldas bestand in Berstadt ein Reich unmittelbarer Königshof, in dem sich im elften Jahrhundert die deutschen Kaiser Heinrich III. und Heinrich IV. aufgehalten haben. Bei dem Königshof handelt es sich um jene Wasserburg am südlichen Ortsrand, die Mitte des 19. Jahrhunderts niederlegt wurde und auf deren Existenz nur noch Flurbezeichnungen hinweisen.
Berstadt selbst ist von einem mittelalterlichen Siedlungsgefüge gekennzeichnet, dessen herausragende Elemente neben der Wasserburg der Kirchberg ist. Die aus der Mitte des 13. Jahrhunderts stammende und über einem älteren Vorgängerbau errichtet Kirche, ist immer noch in einem in geschichtlicher Zeit wehrhaft ausgebildeten Hof und einem weiteren freien Platz als Mittelpunkt des dörflichen Gemeinwesens umgeben.
Der Ortskern von Berstadt ist reich an historischen Gebäuden und lohnt durchaus einen Abstecher.
Gut zu erkennen ist an diesem angeschwemmten Boden aus Schwarzerdematerial mit einem Wert von 95 bis 100 die Schokoladenfarbe, die feine Struktur und die gute Durchlüftung durch Regenwurmgänge.

Blick nach Osten in die Horloffsenke. Am Horizont ist deutlich die Abbruchkante zu erkennen. Die beiden Niddaer Stadtteile Ober- und Unter-Widdersheim sind am linken Rand des Bildes zu sehen.

Achim Meisinger vom Regierungspräsidium Gießen mit Schwarzerde.

Lösskindel entstehen dort, wo die Kalkanteile der Lössablagerungen durch Wasser gelöst werden. Der dabei entstehende, kohlensäurehaltige Kalk wandert in tiefere Schichten und verbindet sich dort mit anstehenden Gesteinspartikeln im Löss. Die Tatsache, dass diese Lössmännchen auf der Oberfläche gefunden werden, ist ein Beweis dafür, dass hier die Flächen rekultiviert wurden.

Berstadt wird dominiert durch den monumentalen Kirchturm der Berstädter Pfarrkirche.

Auch Störche schätzen das, was der Boden der Wetterau hergibt und die hervorragende Bedingungen der Lössboden der Wetterau.
Kartenlegende:
Übersicht der wichtigsten Bodentypen im Bereich der Horloff-Aue
1. Kolluvium (Foto1): Durch Abschwemmung angelagerter Boden aus Schwarzerdematerial, bis zu 2 m mächtig, stellt das Bodenmaterial dar, das seit der letzten Eiszeit (vor 11000 Jahren) und mit Beginn der ackerbaulichen Nutzung durch den Menschen vor ca. 7000 Jahren in der Wetterau entstanden ist, ähnelt optisch sehr stark der Schwarzerde, Übergang zu den Schwarzerde-Regionen hier fließend.
2. Schwarzerde: Ausgangsmaterial eiszeitlicher Löss, typischer Steppenboden, entstanden durch biologische Aktivität und intensive Pflanzenverwitterung entstanden, insofern ein reliktischer Boden aus „Vorzeitenklima“, in Deutschland sehr selten und in Hessen nur „inselartig“ verbreitet (nördliche Wetterau, Fritzlarer Börde und Ebsdorfergrund). Unter heutigen klimatischen Bedingungen, da feuchteres Klima, ist eine Entstehung der Schwarzerde nicht möglich.
3. Künstlich veränderter Boden, ehemalige Braunkohlelagerstätte insofern rekultivierte Bodenoberfläche, stark wechselnde Körnungsgemische, überwiegend Ausgangsmaterial Löss in seiner ursprünglichen Form, daher konnte eine Bodenbildung in den vergangenen 20 Jahren nicht erfolgen. Eine landwirtschaftliche Nutzung ist aber dennoch möglich als teilweise extensive Viehweide bzw. Ackerbau.
4. Niedermoor: Niedermoorflächen mit teilweise abgesenkter Oberfläche. Auf Grund wechselnder Grundwasserstände bzw. Eindeichung der Horloff heute als Grünland genutzt.
5. Auenboden: Jüngste Bodenbildung im Untersuchungsgebiet, entstanden durch Hochflutsedimente der Horloff. Gute Bodengüte da sehr nährstoffreich infolge der Auswaschung aus höher gelegenen Gebieten des Vogelsberges, ackerfähig, allerdings mit Einschränkungen, da hier Spätfröste und Überflutungen auftreten.
6. Gley: Vom Grundwasser beeinflusster Boden, hier: in unmittelbarer Nachbarschaft des NSG Kist von Berstadt als Niedermoor-Standort. Typisch für den Gley-Boden ist der ständig wechselnde Stand des Grundwassers, so dass Oxydationsprozesse (Rostflecken im Boden in Folge von Sauerstoffzufuhr) und Reduktionsprozesse (Graufärbung des Bodens in Folge Sauerstoffmangel). Charakteristisch hier ist der faulige, modrige Geruch des Bodens.
7. Pararendzina: Typischer Rohboden aus dem Ausgangsmaterial Löss entstanden durch die erfolge Erosion. Hier fehlen, da es sich um eine leichte Hanglage handelt, die Bodenmaterialien, die sich in den Bodenschichten des Kolluviums (vgl. 1) wiederfinden.
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