Ortenberg: Die heimliche Kulturhauptstadt

An allen Ecken und Enden tut sich etwas…

Aus dem Ovag "unser Oberhessen" Magazin 03/2009

Bergheim, einer von zehn Ortsteilen Ortenbergs, errang im Frühjahr beim hr-Wettbewerb den Titel „Dolles Dorf“. Groß war der Jubel. Eigentlich jedoch hätte ganz Ortenberg dieses Prädikat verdient. Zumindest den inoffiziellen Titel „Kulturhauptstadt“ im Osten der Wetterau. Bürgermeisterin Ulrike Pfeiffer-Pantring ist stolz auf die kulturelle Vielfalt Ortenbergs. „Was hier auf die Beine gestellt wurde hat zu einem erheblichen Imagegewinn geführt.“

Angefangen hat alles zum einen mit der Altstadtsanierung in den siebziger Jahren und mit dem Auftauchen des gebürtigen Schweizer Schauspielers Hans Schwab Mitte der Achtziger. Schwab trat mit einer Theatergruppe in Ortenberg auf, blieb dort hängen und eröffnete 1987 in einer ehemaligen Backstube die Kleinkunstbühne „Fresche Keller“. Seitdem er mit Ehefrau Ronka Nickel das etablierte Unternehmen an das Duo Dorothée Arden und Michael Globocki übergab, tritt Schwab in unterschiedlichen Rollen auf, organisiert das jährliche Fest „Altstadt pur“ und gibt ab und an nächtens den Laternenführer. Denn durch die historische Kulisse Ortenbergs geleiten 48 Laternen mit 91 Motiven als Scherenschnitt, wobei es zu jedem eine Geschichte zu erzählen gibt.

Ach, der Platz reicht nicht aus, um das kulturelle Leben Ortenbergs in seiner Gänze aufzublättern. Beginnen wir mit der ältesten Festivität: dem Kalten Markt, seit 1422  jeweils am letzten Oktoberwochenende. Tausende von Menschen drängen dann durch die Straßen und Gassen. Einkaufsstände, Festzelte und Fahrgeschäfte sind die Attraktionen des größten Volksfestes der Region. Auf eine gewisse Tradition kann das Afrika-Fest auf der Burg Lißberg zurückblicken, die ebenso die Szenerie bildet für das Drehleierfestival und – ganz neu – für einen Mittelaltermarkt. In Lißberg hängt übrigens der Himmel voller Geigen, beherbergt es doch ein einzigartiges Musikinstrumenten-Museum. Darüber hinaus ist Lißberg seit über 90 Jahren Quelle regenerativer Energien, betreibt die OVAG hier ein Wasserkraftwerk.

Große Verdienste erworben haben sich um das kulturelle Leben in Ortenberg der Jazzclub mit heißen Konzerten und der Kulturkreis mit seinem rührigen Schaffen. Vielleicht ist diese Dichte, dieses Klima, dafür verantwortlich, dass sich hier eine erstaunliche Zahl von Künstlern niedergelassen hat. So der Jazzmusiker Dirk Raufeisen, die Schauspielerin Lilli Schwethelm (Theater Mimikri), der Maler Rainer Maria Weber und die Bildhauerin Jagna Weber auf dem Hofgut Luisenlust, Goldschmiedin Doris Gassmann, die Keramikerinnen Isabella Hiepler-Metz und Wiebke Hammerich, Gestaltungskünstler Christian Appel, der Gitarrist Georg Crostewitz, ja, und auch der vor zwei Jahre verstorbene Schriftsteller Karlhans Frank hat einen großen Teil seines Lebens im Ortsteil Gelnhaar verbracht. Die Geburtsstunde der Band Fräuleinwunder liegt im Grunde genommen gleichfalls in Ortenberg, besuchen die musikalischen „Girls“ doch die Gesamtschule Konradsdorf (Ulrike Pfeiffer-Pantring: „Unser elfter Stadtteil, wenn man bedenkt, dass hier täglich 2.000 Menschen auf der grünen Wiese zusammen kommen“).

Ein Blick zurück durch den Zeittunnel: Nachweisbar ist eine Besiedlung für die Zeit um 5.000 bis 2.000 v.Chr., im 12. Jahrhundert erlangte die Burg ihre geschichtliche Bedeutung, die Stadt wurde zentraler Punkt für Zehntgericht, Messen und Märkte. Rund 9.200 Menschen wohnen heute in der Großgemeinde, Tendenz, so die Bürgermeisterin, stabil. „Wir merken, dass Ortenberg attraktiv ist für Menschen aus der Region Hanau, da die Kauf- und Mietpreise hier noch erschwinglich sind, ebenso für die Bewohner des Vogelsbergs, die täglich nach Frankfurt pendeln und dann nicht mehr so weit fahren müssen.“

Neben dem bereits erwähnten kulturellen Facetten hat Ortenberg einiges zu bieten: Schulen, ein Freibad mit Wasser direkt aus der Quelle und FKK-Bereich, vielfältige Freizeitangebote, die Wanderer, Fahrradfahrer und Skater hinziehen zu dem Keltenweg, zum Vulkanradweg, zur Apfelwein- und Obstwiesen- sowie zur Bonifatiusroute.

Wirtschaftlich gesehen hat Ortenberg ein starkes Bein im Maschinenbau und in der Metallverarbeitung sowie im Gesundheitswesen und der Seniorenbetreuung mit Einrichtungen in Hillersbach, Selters und Ortenberg. Und verfügt über eine Fabrik, die  Speiseeis bis nach Russland liefert.

Wer einen Blick von oben auf die Gemarkung wirft, ist überrascht von dem Waldreichtum. 850 Hektar umfasst allein der städtische Forst. Auf zwei Besonderheiten verweist Ulrike Pfeiffer-Pantring in diesem Zusammenhang: Bürger des Stadtteils Usenborn verfügen über einen ortseigenen Wald und bewirtschaften diesen selbst und die Bürgerinnen und Bürger von Effolderbach sind, je nachdem, welches Grundstück ihnen gehört oder sie erwerben, automatisch Mitglied in einer der drei dortigen Waldgesellschaften, besitzen Rechte beim Brennholzerwerb und sind am denkbaren Gewinn der Genossenschaft beteiligt.

Einiges an Potenzial vermag Ulrike Pfeiffer-Pantring im oberen Niddertal auszumachen. So nennt sie die Entwicklung der Domäne Konradsdorf mit zahlreichen Ideen eine „Herausforderung“. Und auch im Schloss Ortenberg tut sich einiges in Richtung touristischer Erschließung.

An allen Ecken und Enden der Kommune scheint sich etwas zu regen: eine Bergheimer Bürgergruppe möchte die Sanierung der Wasser- und Kanalanschlüsse nutzen, um ein Nahwärmenetz als Genossenschaft zu installieren. In Bleichenbach (hier zu Hause ist die Metallkünstlerin Ulrike Obenauer) hat gerade eine Stadtteilbibliothek eröffnet, die Teil eines aktiven Dorferneuerungsprozesses ist, den auch die evangelische Kirche mit Dekanat und Landeskirche aktiv mitgestaltet. So entsteht dort ein Jugendkulturbahnhof.

In der Tat: ein „dolles Dorf“, immer was los…

Weitere Informationen unter http://www.ortenberg.net/







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