Wo Geschichte lebt

Ein Stück Mittelalter von seiner attraktivsten Seite

Aus dem Ovag Kundenmagazin 3/2008

In unserer Serie „Zuhause in Oberhessen" stellen wir in jeder Ausgabe einen Ort in unserer Region vor. In diesem Heft: Büdingen. Vielschichtig, wie die Ringe einer Zwiebel, umgibt die Ge schichte den Kern der Stadt Büdingen. Folglich lautet der Wahlspruch der historischen Stadt: „Hier lebt Geschichte". Denn sie präsentiert ihr kulturelles Erbe lebhaft und lebendig anhand zahlreicher Museen in historischen Bauten sowie für Besucher frei zugängliche Mauern und Relikten. Die historische Altstadt mit ihren zahlreichen Wehranla gen und malerischen Fachwerk- und Steinbauten aus sechs Jahrhunderten, zählt zu den besterhaltendsten mittelal terlichen Stadtanlagen Europas. Herz der geschichtlichen Zwiebel ist die im 12. Jahrhundert von den Herren von Bü dingen auf dem Seemenbach errichtete Wasserburg. Von außen präsentiert sich die Geschichte des Schlosses durch wandelnde Stilempfi ndungen, von der Romantik bis zum Barock. Im Schlossmuseum ist die höfi sche Kultur anhand der Originalausstattung aus fünf Jahrhunderten zu besich

tigen. Unter uralten Trauerweiden lädt der Schlosspark zum Verweilen ein. Doch von idyllischer Ruhe kann hier nicht die Rede sein. Denn hier quakt das inoffi zielle Wap pentier der Büdinger: die sagenumwobenen „Beuringer Frääsch", die seit jeher die feuchten Niederungen besie delten. Im Schutze der Burg ließen sich Waldleute, Handwerker und vor allem Burgmannen mit ihren Knechten nieder. Allmählich erwuchs ein kleiner Ort, den die Bewohner als Vorburg wehrhaft zu machen suchten. Bald fanden die Zuziehenden keinen freien Raum mehr hinter den schützenden Mauern und mussten davor ansiedeln. In dem Maße, in dem sich die Stadt ausweitete und die Bewohner sich mehrten, wuchs das Bedürfnis nach ei nem angemessenen Gotteshaus. Deshalb ließ Heinrich von Ysenburg die 1367 bereits vorhandene hölzerne Ma rienkapelle 1377 in Stein ausführen. Ihre heutige, erwei terte Gestalt als spätgotische Hallenkirche erhielt sie in den Jahren zwischen 1476 und 1495. Zahllos sind die Baudenkmäler, die Büdingen dem 15. und 16. Jahrhundert zu verdanken hat. Hand in Hand mit dem Herrenhaus, arbeitete das Bürgertum an der künstlerischen Ausgestaltung des Stadtbildes. Der Oberhof, das Steinerne Haus, die beiden prachtvollen Rathäuser, das Gasthaus „Zum Schwan" und viele Bürgerhäuser mit ihren kunstvoll gestalteten Fachwerken sind beredte Zeugen. Das historische Rathaus erinnert heute im Heuson-Museum an 1200 Jahre Geschichte. Ein eigenes Museum ist außerdem dem traditionsreichen Beruf der Metzger gewidmet. Das bis 1895 benutzte „Schlaghaus" in einem Turm an der Mühltorbrücke erhielt für das Museum die ursprüngliche Einrichtung mit Schlachtbalken und Winde zurück. Und auch der Oberhof von 1569, das älteste Renaissancegebäude der Stadt, beherbergt ein Museum: Dort sind über 150 perfekte Modellbauten aufgebaut. Einem harmonischen Nebeneinander von Mittelalter und Musikbox verleiht das 50-er Jahre Museum inmitten der historischen Altstadt Ausdruck.

Nur schwer erholte sich Büdingen von den Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges, den Folgen der unheilbringenden Hexenprozesse (Höhepunkt 1633 bis 1653) und der todbringenden Pest in den Jahren 1576 und 1635 sowie einem Großbrand 1590. Noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts lagen ganze Stadtteile danieder. Daher rief Graf Ernst Casimir I 1712 mit einem Toleranzedikt zur Ansiedlung auf. Bis 1725 entstand ein neuer Stadtteil vor dem Jerusalemer Tor. Hier siedelten Glaubensflüchtlinge aus aller Herren Länder an. Wälle und Gräben zwischen den Stadtteilen wurden nun niedergelegt. An der wichtigsten Nahtstelle entstand so Raum für einen von Fachwerkhäusern umsäumten Marktplatz, dem heutigen Zentrum. Die ursprüngliche Mauer blieb auch nach dem Bau der großen, die Alt- und Neustadt umklammernden Befestigung teilweise erhalten. Das längste Stück steht am „Garten Kölsch", einem nach dem Prinzip der ganzjährigen Blüte angelegten Staudengarten, der inmitten der Stadt eine ruhige Oase bietet.

Jenseits der Türme und Mauern erstrecken sich um Büdingen ausgedehnte Wälder: Der „Traumwald" vor den Toren der Stadt mit Tierbeobachtungsstationen und einem Waldseilgarten oder der Wildpark im Tal der Sieben Bäche.

Für Geschichtshungrige bietet Büdingen Stadt- und Erlebnisführungen, für Naturfans gibt es zahlreiche Wander- und Radwege. Mehr zum Thema: http://www.ovag.de  (ssp)

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