
Kulturlandschaft
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Wetteraukreis vom 21.03.2007: „Seht, welch kostbares Erbe! - Geschichte des Sprudelhofs"
Wetteraukreis (pdw). ). Die Wetterau ist eine uralte Kulturlandschaft mit einer Vielzahl von Baudenkmalen. 3.000 Gebäude
beziehungsweise Ensembles stehen im Wetteraukreis unter Denkmalschutz und sind damit vor Veränderungen zunächst einmal geschützt. „Denkmalschutz gewinnt bei der Suche nach regionaler Identität, gerade im Zeitalter der zunehmenden Globalisierung, eine neue Bedeutung“, wirbt Landrat Rolf Gnadl, Baudezernent des Wetteraukreises für den Denkmalschutz. In einer Serie wollen wir sechs herausragende Kulturdenkmale in der Wetterau vorstellen.
In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts hatte sich das Herzheilbad Bad Nauheim wegen seiner Erfolge bei der Behandlung von Herz- und Kreislauferkrankungen Weltruf erworben. Die sprunghaft steigende Besucherzahl machte eine umgehende Erweiterung der Kapazitäten nötig. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts jedoch waren die Kur- und Badeanlagen sowie die technische Ausstattung veraltet und erneuerungsbedürftig. Außerdem verstellten die ungeordnet verteilten, im Fachwerkstil erbauten Badehäuser, den Blick vom Bahnhof kommend auf die Sprudelquellen und den Kurpark.
So war der kunstsinnige und baufreudige Landesherr Großherzog Ernst Ludwig bereit, zum Wohle des aufblühenden Weltbades hohe Investitionen zu tätigen, die auch dem damaligen Bedürfnis nach Repräsentation genügten. Gemäß seinem Wahlspruch ‚Mein Hessenland blühe und in ihm die Kunst’ verband er mit dem wirtschaftlichen Vorhaben ästhetische Ansprüche. Schon seit der Gründung der Künstlerkolonie in Darmstadt bildete sich bei ihm der Gedanke, durch das Zusammenwirken verschiedener Künstler ein Gesamtkunstwerk entstehen zu lassen.
Architekt mit genialem Plan
Für die Planung der Bad Nauheimer Badeanlage suchte der Großherzog einen Architekten, bei dem er sicher sein konnte, dass dieser zwischen Tradition und Moderne den für ein bürgerliches und adliges Publikum geeigneten Kompromiss umsetzen könnte. Diese Person fand er in dem jungen Architekten Wilhelm Jost und beauftragte ihn mit der Gestaltung und Durchführung seiner Pläne. Jost fasste den genialen Gedanken, den bestehenden Badehäusern nicht wie nach bisherigem Brauch ein weiteres hinzuzufügen, sondern eine völlige Neuordnung vorzunehmen. Er plante um die Sprudel eine um einen großen Hof gelagerte, durch einen Arkadengang zusammengeschlossene Badeanlage, bestehend aus sechs Badehäusern mit Schmuckhöfen und einer Freitreppe zwischen den zwei Verwaltungsgebäuden.
Im Januar 1905 wurde mit den Bauarbeiten begonnen, die auch in den folgenden Jahren auf die Wintermonate beschränkt blieben, um die Badesaison nicht zu stören. Große Erdbewegungen waren nötig. Dabei wurden vier alte Badehäuser jeweils erst vor der Errichtung der an ihre Stelle tretenden sechs neuen Badehäuser abgebrochen, sodass die Zahl der verfügbaren Badezellen mit jedem Jahr anstieg. 1905/06 entstanden die beiden Gebäude der Bade- und Kurverwaltung mit der Freitreppe dazwischen und die angrenzenden Badehäuser 4 und 5. Im Winter 1906/07 wurde Badehaus 3 errichtet und 1907/08 folgte Badehaus 2. Die Badehäuser 6 und 7 wurden 1908 begonnen, sodass die gesamte Anlage mit 261 Wannen in 240 Badezellen (21 Doppelzellen) bis 1909/10 weitgehend fertig gestellt werden konnte. 1911 wurden noch vier Fürstenzellen eingerichtet und die Brunnen in den Schmuckhöfen ausgeführt.
Ästhetischer Kompromiss zwischen Altem und Neuem
Bei der Planung und Ausführung seiner Bauten erfreute sich Jost großer künstlerischer Freiheit, die er dem Wohlwollen des Großherzogs und seines Förderers in der Verwaltung, Oberbaurat Karl Hofmann, verdankte. So erzielte Jost den eindrucksvollen ästhetischen Kompromiss zwischen Altem und Neuem, indem er die Gebäude der Badeanlage in einem frei aufgefassten Barock in einfachen Formen (Neubarock) gestaltete und einfallsreich mit Jugendstilornamenten verzierte, oft in Zusammenarbeit mit Mitgliedern der Darmstädter Künstlerkolonie. Dabei entstanden die endgültigen Entwürfe zu den Dekorationen meist während der Bauzeit, sodass sie aktuellen Strömungen des Jugendstils folgen konnten. So wurden die zuerst entstandenen Badehäuser 4 und 5 mit floralen Ornamenten versehen, während die danach errichteten zu geometrischen Dekorationen wechselten. Diese Methode des „work in progress“ erlaubte nicht nur aktualisierende Umplanungen, sondern auch die Einführung neu erlernter Techniken.
Die Fotos von Albert Schmidt, Hoffotograf mit Atelier in Friedberg, ermöglichen uns heute einen Blick auf das Großprojekt während der Umbauphase.
Die Bad Nauheimer Badeanlagen und die dazugehörigen Einrichtungen bilden ein in Europa einzigartiges Gesamtkunstwerk des Jugendstils. In erhebender und verschönender Weise auf das Leben einzuwirken, war Programm des Jugendstils, gerade in seiner Darmstädter Version. Der Neubau der Bad Nauheimer Badeanlagen zu Beginn des 20.Jahrhunderts ließ die Ideen der Künstlerkolonie auf gesellschaftlicher Ebene Wirklichkeit werden. In der Architektur, den bildhauerischen und malerischen Arbeiten, in Mobiliar und Gartengestaltung zeigt sich das Gesamtkunstwerk, das von verschiedenen vegetabilen Formen als auch von geometrischem Dekor geprägt ist. Gemeinsam ist allen Formen der Bezug zum Wasser, seinen Pflanzen und Tieren und seinen mythologischen Gestalten. Einige Künstler der Künstlerkolonie Darmstadt halfen Wilhelm Jost bei der Ausgestaltung der Anlage mit. Der Bildhauer Prof. Heinrich Jobst gestaltete das Doppelbecken für die beiden Hauptsprudel und den schreitenden Löwen aus Bronze. Durch ihre reiche Ausstattung mit Keramiken der Großherzoglichen Manufaktur unter Leitung von Jakob Julius Scharvogel sind die Badehäuser 2 und 7 sicher die großartigsten und ungewöhnlichen Raumschöpfungen.
Bei der Innenraumgestaltung und den Glasfenstern arbeitete Jost mit dem Maler Friedrich Wilhelm Kleukens zusammen. Der Bildhauer Ludwig Habich gestaltete zahlreiche Brunnenmasken. Dieses einmalige Zusammenwirken von verschiedenen Künstlern vermochte der Gestaltung der Anlage sowie der Innenräume einen bis heute anrührenden Zauber auf hohem ästhetischem Niveau zu verleihen. Aus diesen Gründen wurde im Jahre 2004 Bad Nauheim als einziges deutsches Mitglied in das Netzwerk „Réseau Art Nouveau“ aufgenommen und zählt somit zu den wichtigsten Repräsentanten des Europäischen Jugendstils.
Text:
Heike und Jox Reuss in Anlehnung an Philipp Pippel, Christina Uslular- Thiele und Prof. Dr. Gerd Weiß
Wetteraukreis vom 14.03.2007: „Seht, welch kostbares Erbe - Die Sanierung der Büdinger Festungsanlagen"
Wetteraukreis (pdw). Die Wetterau ist eine uralte Kulturlandschaft mit einer Vielzahl von Baudenkmalen. 3.000 Gebäude beziehungsweise Ensembles stehen im Wetteraukreis unter Denkmalschutz und sind damit vor Veränderungen zunächst einmal geschützt. „Denkmalschutz gewinnt bei der Suche nach regionaler Identität, gerade im Zeitalter der zunehmenden Globalisierung, eine neue Bedeutung“, wirbt Landrat Rolf Gnadl, Baudezernent des Wetteraukreises für den Denkmalschutz. In einer Serie wollen wir sechs herausragende Kulturdenkmale in der Wetterau vorstellen
Baugestalt und Ausstrahlung des alten Büdingen werden wesentlich vom Sandsteinrot seiner Mauern und Türme bestimmt. Im Unterschied zu den üblichen Stadtmauern, die bei vielen der kleinen Städte unseres Landes zumindest als Relikte erhalten sind, wurde hier zwischen 1480 und 1520 eine mächtige Fortifikation erbaut. Den bei anderen Festungsstädten folgenden wehrtechnischen Neuerungen war Büdingen nicht ausgesetzt, es kann somit als einzigartiges Beispiel der frühesten Epoche des Festungswesens in Deutschland gelten. Nur die Toranlagen wurden zwischen 1822 und 1839 bereits dem Verkehr geopfert, bis auf das malerische Jerusalemer Tor, das Wahrzeichen der Stadt geblieben ist. Neben diesem Untertor weist das mittelalterliche Festungskarree noch 17 Bollwerke, Rondelle oder Halbtürme auf.
Der Bau der Festung war seinerzeit keine Sache der Bürger, sondern ein Großprojekt des Grafen Ludwig II. zu Ysenburg und seiner Söhne, sicher aus Gründen des Prestiges und der Repräsentation, um die kleine Grafenresidenz aufzuwerten und zugleich einen äußeren Sicherungsring vor das Büdinger Schloß zu legen. Allerdings waren die Bürger laut ihrem „Freiheitsbrief“ von1353 dann doch zum Unterhalt und vor allem zur Bewehrung und Verteidigung verpflichtet. Wurde es jedoch einmal ernst, wie beim „Zug des tollen Markgrafen“ 1552 oder bei Belagerungen auf dem Höhepunkt des Dreißigjährigen Krieges 1634, ließen sie nach den ersten Schusswechseln verhandeln und öffneten die Tore, so daß die Stadt – und mit ihr die Festung – unzerstört blieben.
Seit ihren Anfängen 1904 ließ die staatliche Denkmalpflege im Großherzogtum Hessen den Mauern Aufmerksamkeit und bauliche Sorge angedeihen. Der Denkmalpfleger für die Provinz Oberhessen, Prof. Walbe, später auch die örtlichen Denkmalschützer Peter Nieß (+1965) und Hans-Velten Heuson (+2002) haben sich mit viel Engagement für das Ensemble eingesetzt. Denn seit der Auflösung der Markgenossenschaft im 19. Jahrhundert waren Türme und Mauerabschnitte auch in Privathand übergegangen, vielfach wurden Gärten darauf angelegt, was neben der grassierenden Efeuplage dem Mauerwerk erheblich schadete. Nur nach und nach konnte die Stadt den Großteil des Ensembles wieder in ihren Besitz bringen und einiges zugänglich machen. Obwohl für den Erhalt ständig etwas getan wurde, zeichnete sich Ende der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts ab, daß eine grundlegende Sanierung unumgänglich war, was von den politischen Gruppierungen und den städtischen Gremien einmütig getragen wurde. Klar war aber auch, daß diese Aufgabe von der Stadt allein nicht zu schultern war. Wesentlich wurde daher die Einstufung Büdingens mit Schloß und Festung als „Denkmal von nationaler Bedeutung“ durch das Landesamt für Denkmalpflege, Voraussetzung für eine Förderung aus Bundesmitteln. Bezirkskonservator Dr. Siegfried Enders nahm die Herausforderung mit großem persönlichem Einsatz an.
Für das Großprojekt wurde eine Gesamtplanung angestrebt, doch sollte die Realisierung in Etappen, je nach Dringlichkeit im Schadensbild der Einzelobjekte erfolgen. Von Anfang an wurden die Maßnahmen von einem Würzburger Fachbüro begleitet, das alle Teile der Festungsanlage dokumentierte, die Schäden im Einzelnen festhielt und die Feinplanung vornahm. Als „Pilotprojekt“ wurde 1998/99 mit der umfassenden Sanierung des „Ludwigsturms“ (fälschlich „Folterturm“) begonnen, einem schlanken Geschützturm an der Nordwestecke der Festung. Dabei wurde deutlich, daß man auf vielen Gebieten, handwerklich wie materialtechnisch, Neuland betreten oder Altes wieder lernen musste. Neben Fachfirmen sollten örtliche Betriebe herangezogen werde, dabei erwarb vor allem die Büdinger Schloßbauhütte fundiertes Können und Erfahrung. Die Maßnahmen gingen dann Jahr für Jahr kontinuierlich weiter, sie können hier nur kurz aufgezählt werden. So wurde die innere Stadtmauer im Bereich des Gartens Kölsch gesichert und ihr altes Erscheinungsbild wieder hergestellt. Mit zwei Grabungsschnitten konnte die dortige Situation der Abfolge von Außendamm, Zwinger, Wall und früherem Wassergraben geklärt werden. Zugleich wurde der Verlauf der ältesten Mauer, die hier ohne Turm in östliche Richtung umsprang, teilweise rekonstruiert. An der Westfront wurden Grüner und Roter Turm grundlegend erneuert und gesichert. Aktuelle Schäden machten den Abbau der Brücke am Untertor notwendig, was zur Freilegung der gesamten Bogenkonstruktion, dem Nachempfinden der ehemaligen Zugbrücke, ja zu einem ganz neuen Erscheinungsbild der Untertoranlage führte. Massive Beschädigungen der Lohstegbrücke durch das Hochwasser vom Januar 2003 machten auch hier rasches Handeln erforderlich.
Als besonders effektiv hat sich die Etablierung eines Arbeitskreises Stadtmauern erwiesen. Es handelt sich um eine mehrfach im Jahr oder bei Bedarf tagende Gesprächs-, aber auch Entscheidungsrunde, die unter Vorsitz des Bürgermeisters im Beisein von Dr. Enders und dem Vertreter der Unteren Denkmalschutzbehörde des Wetteraukreises das Vorgehen koordiniert und die oftmals dringenden Entscheidungen trifft, ohne langwierige behördliche Dienstwege. Dazu gehört auch eine wissenschaftliche Begleitung. Häufig war hier der Rat von Baudirektor i.R. Elmar Brohl wichtig, als langjähriger Geschäftsführer der deutschen Gesellschaft für Festungskunde ein ausgewiesener Fachmann. Der frühere Büdinger Schloßarchivar Dr. Klaus Peter Decker hat zu dem Unternehmen vielfache Quellenfunde beigesteuert, so etwa zu dem ebenfalls sanierten Turm an der westlichen Innenmauer, der 1545 als Gefängnis der Stadt errichtet wurde und für den dabei der Name „Teufelsturm“ auftaucht. Vor allem konnte er klären, daß der Festungsbau nicht von fremden Handwerkern, sondern von einer heimischen Bauhütte unter Leitung des Meisters Hans Kune durchgeführt wurde.
Jüngste Maßnahmen bilden die Sanierung des Schlaghauses am Mühltor und als bisher größtes Unterfangen die 2005 begonnene Sanierung des Großen Bollwerks, des Hexenturms und der beide verbindenden Streichwehr, die nun abgeschlossen wird. Nicht zuletzt ist auch die Leistung der Mitarbeiter des städtischen Bauamtes und der beteiligten Städteplaner bei Organisation und Durchführung zu unterstreichen.
Bisher dürften etwa 2,5 Millionen Euro in die Maßnahmen geflossen sein. Sie wurden aufgebracht aus Mitteln des Bundes, des Landes Hessen und des Wetteraukreises über die Denkmalbehörden, natürlich zu einem erheblichen Teil von der Stadt Büdingen, aber auch durch Zuschüsse der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und der angegliederten Stiftung Historische Altstadt. Angestrebt wird eine denkmalgerechte Nutzung der sanierten Objekte. So hat in den schlanken Türmen des Jerusalemer Tores ein Sandrosenmuseum ein hübsches Domizil gefunden, das geologische Preziosen aus der Wetterau präsentiert, im Schlaghaus wird mit einer Sammlung zum alten Metzgerhandwerk die zeitweilige frühere Funktion als Schlachthaus wieder verdeutlicht, der Rote Turm ist als Standort für ein Modell der Festungsstadt um das Jahr 1620 vorgesehen.
Die Maßnahmen werden noch einige Jahre weitergehen, aber schon jetzt zeichnet sich eine kleine Erfolgsgeschichte des Denkmalschutzes ab, deren Ergebnis fast schon als selbstverständlich wahrgenommen wird. Doch bleibt zu wünschen, daß die mit erheblichen öffentlichen Mitteln sanierte und hoffentlich nun für lange Zeit gesicherte historische Festung nicht nur als Kulisse für Mittelalterfeste, Freiluftkonzerte oder gar „Autosalons“ dient, sondern in ihrem Eigenwert gewürdigt und geschützt wird.
Text:Dr. Klaus-Peter Decker
Wer mehr zum Thema Denkmalschutz wissen möchte, dem sei der Besuch der Ausstellung „Seht, welch kostbares Erbe- Kulturdenkmale in Deutschland“, empfohlen. Die Ausstellung ist och bis zum 5. April 2007, Montag bis Freitag von 8:00 Uhr bis 17:00 Uhr und donnerstags bis 18:00 Uhr im Dienstleistungszentrum des Friedberger Kreishauses zu sehen.


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