Wanderlänge: vier Kilometer
Reine Gehzeit: eine Stunde, 75 Höhenmeter, unterschiedliche Wegebeschaffenheit

Es gibt Ortschaften in der Wetterau, die sich einen besonderen Namen gemacht haben, wie etwa Glauburg durch den Keltenfürsten oder Steinfurth durch die Rosen. Ockstadt ist für seine Kirschen berühmt. Wandern kann man eigentlich immer. Für Ockstadt gibt es aber zwei besondere Empfehlungen: Der Ästhet wandert Ende April Anfang Mai während der Blütezeit. Der Gourmet zieht Juni und Juli vor, wenn die Ockstädter Früchte ausgereift sind.
Es ist keine schöne Entwicklung, dass immer mehr Verbraucherinnen und Verbraucher glauben, alle Produkte zu jeder Zeit haben zu müssen, auch wenn die Supermärkte diesem Bedürfnis nachkommen können. Wer einmal eine frische Ockstädter Kirsche mit der Supermarktware vergleicht, wird von solchen fehlgeleiteten Bedürfnissen geheilt sein. Auch wenn die Ockstädter Ware etwas teurer ist als das Supermarktprodukt, etwas mehr auszugeben, lohnt sich in mehrfacher Hinsicht.
Wer heimische Produkte kauft, vermeidet irrsinnige Transportwege, sorgt dafür, dass diese Produkte auch morgen und übermorgen noch angebaut werden. Und er hilft dabei, dass auch morgen und übermorgen noch blühende Obstwiesen den Ockstädter Hang in ein Meer aus weißen Blüten verwandeln.
In Ockstadt zu wandern heißt, mehr zu schlendern und genüsslich die weiten Blicke über die Kreisstadt Friedberg und die ganze Wetterau bis hin zum Spessart und Vogelsberg zu genießen.
Ockstadt wurde 817 erstmalig urkundlich erwähnt, schon heute laufen die Vorbereitungen für die 1200-Jahrfeier. Während Ockstadt sich in den vergangenen 1200 Jahren zu einem blühenden Gemeinwesen entwickelt hat, sind andere Orte, die um die gleiche Zeit erstmalig erwähnt wurden, untergegangen. Eitzenbach, Hüftersheim oder Straßheim sind solche Beispiele. An das Dorf Hollar erinnert einzig eine Kapelle, wir werden sie auf unserer Wanderung kennenlernen.
Das Auto lassen wir am Schwimmbad stehen und laufen die Pfingstbrunnenstraße dorfauswärts, wo wir auf den Pfingstbrunnen stoßen, der sich hinter einer Eisentür verbirgt. Dieser Brunnen speist das Ockstädter Schwimmbad, das deshalb auch den Namen „Quellwasser-Schwimmbad“ führen darf. Am Ende der Wanderung sollten wir uns von dieser besonderen Qualität des Ockstädter Quellbadewassers selbst überzeugen.
Geologisch beginnt hier, direkt am Ortsausgang in westliche Richtung, mit der Steigung auch der Taunus. Wenn man tiefer graben würde, stieße man unweigerlich auf den typischen Taunus-Quarzit. Die besondere klimatisch günstige Lage des vor uns liegenden Kirschenberges hat Ockstadt erst zu dem werden lassen, was es heute ist. Das Hangschuttschuttmaterial aus dem mehr als 400 Millionen Jahre altem Quarzit und die Lössablagerungen der Stürme , während der letzten Eiszeit vor etwa 11 000 Jahren , sorgen dafür , dass sich die Kirschbäume prächtig entwickeln können.
Die positive landwirtschaftliche Standorteignung hat in früheren Zeiten schon den Weinbau begünstigt. Bei genauerer Betrachtung einzelner Parzellen lassen sich sogar ehemalige Weinberg - Terrassen ausmachen. Der Kirschenanbau ist ab Ende des 18. Jahrhunderts in Ockstadt nachgewiesen. Heute zählt der Obst- und Gartenbauverein Ockstadt rund 40.000 Kirschbäume in der Gemarkung, hinzu kommen 25.000 weitere Obstbäume, überwiegend Äpfel, Zwetschgen und Birnen. Der Baumreichtum verteilt sich auf 500 Eigentümer, von denen 20 als Intensivobstbauern und weitere 20 bis 30 als sogenannte Hobbyobstbauern verstanden werden, also Menschen, die regelmäßig und konsequent ihre Obstbaumgrundstücke pflegen.
Freilich gibt es auch in Ockstadt gravierende Veränderungen. Alte hochstämmige Sorten wie Hedelfinger, Haumüller oder Germersdorfer weichen den neuen niederstämmigen, leichter zu erntenden und länger Ertrag bringenden Sorten wie Burlat, Kordia oder Regina. Der Verkauf der Kirschen erfolgt meist über Großhändler und in kleinerem Maßstab auch durch den Direktverkauf an der Straße bzw. an Privatkunden. Leben kann man aber vom Kirschenanbau nicht, dafür sind die Risiken viel zu groß. Sie beginnen mit dem Frost während der Blütezeit und reichen über den Hagel bis hin zum Regen während der Erntezeit, der die Früchte zum Platzen und Faulen bringt.
Wir gehen vom Brunnen aus den durch Wiesen und Kirschbäume führenden Weg weiter geradeaus bis wir nach ca. 600 m auf der linken Seite einen uralten Speierling bestaunen können. Mit seinem Stammumfang von über vier Metern gilt der "Dicke von Ockstadt" als der dickste seiner Art in Deutschland. Sein Alter wird auf ca.200 Jahre geschätzt. Danach wenden wir rechts, überqueren einen Wirtschaftsweg und bleiben auf unserem Wiesenweg zwischen den Obstbäumen. An der nächsten Kreuzung folgen wir einem geteerten Weg nach rechts in Richtung Ort. Wir kommen zunächst an eine Kreuzung mit einem Feldkreuz. Mit der Inschrift: „Vor Blitz und Ungewitter - bewahre uns o Herr“ bitten die Ockstädter Obstbauern zugunsten ihres wertvollsten Gutes.
Die Kirsche übrigens soll schon in der Jungsteinzeit hier an dieser Stelle gewachsen sein. Die Steinzeitmenschen werden aber gewiss nicht so eine sensible Baumpflege betrieben haben, wie sie heute üblich und auch nötig ist. An dem Feldkreuz gehen wir nach links, um an der nächsten Kreuzung erst einmal innezuhalten und den prächtigen Blick auf Friedberg, die ganze Wetterau und am Horizont Vogelsberg und Spessart zu richten.
Bevor wir uns nach rechts in Richtung Ort wenden, machen wir einen kleinen Abstecher links zur Hollarkapelle, das letzte Relikt, das an das gleichnamige Dorf erinnert, das wohl im Dreißigjährigen Krieg aufgelassen wurde. Die Kapelle selbst wurde auf den Grundmauern der alten Kirche im frühen 18. Jahrhundert errichtet und wird heute gerne für Taufen und Hochzeiten genutzt.
Wir gehen jetzt zurück zum Ort, nehmen die zweite Straße nach rechts (Am Schwimmbad) und sind bald zurück am Auto.
In Ockstadt aber auch an viele anderen Stellen in der Wetterau gibt es jetzt die guten Ockstädter Kirschen, einfach wunderbar!
Nirgendwo gibt es mehr so prächtige Speierlinge wie in der Gemarkung Ockstadt. Hier ein besonders imposantes Exemplar, das möglicherweise schon 200 Jahre alt ist.

Der „Ockstädter Dom“, im Hintergrund die Friedberger Stadtkirche.

Hollar Kapelle

So müssen Kirschen aussehen
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